Warum es die beste Entscheidung war, ein paar Tage zu einer Gastfamilie zu ziehen

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Sobald ich die Zusage für mein Stipendium erhielt, kontaktierte ich die vorherigen deutschen Stipendiatinnen am UWCSEA. Ich stellte Fragen über Singapur, das Schulleben am UWCSEA und wie es im Boarding House abläuft. Immer wieder hörte ich, dass sie das Boarding House zum Essen oder über Nacht immer wieder gerne verließen, weil sie einfach raus mussten.

Ich konnte das nicht nachvollziehen, weil: Hallooo? Ihr seid im Boarding House Teil einer so coolen Gemeinschaft, warum wollt ihr hier weg? Selbst in meinen ersten paar Wochen in Singapur konnte ich diese Fluchtwünsche nie verstehen – auch unser Catering-Essen ist doch mega gut!?

meine Gastmutter, zwei der Geschwister und ich
mit meiner Gastmutter und zwei der Geschwister: zum Wohl!

Soll ich mir wirklich eine Gastfamilie suchen?

Als es dann auf die Dezember-Ferien zuging, sollten wir aus Organisationsgründen melden, ob wir im Boarding House bleiben, bei Freund:innen wohnen oder eine Gastfamilie benötigen. Ich war unschlüssig: Leben in einer Gastfamilie fand ich bisher immer cool, aber soll ich mich wirklich darum kümmern? Wir dürfen über die Ferien ja im Boarding House bleiben und dann kann ich Zeit mit meinen Freund:innen verbringen, alles easy.

Ich fragte mal wieder unsere damalige Boarding Intern und ehemalige Stipendiatin Julia um Rat und sie bestärkte meine Tendenz, das Gastfamilienangebot anzunehmen. Und dann tat ich es.

Als die Ferien begannen, merkte ich, wie anstrengend die letzten Wochen eigentlich waren und chillte deshalb vor allem und ging mit Freundinnen raus. Ich dachte, das wird Entspannung genug sein, aber ich merkte: Obwohl ich die Leute hier sehr gern habe, bin ich vom Umfeld ausgelaugt.

Meine Stimmung? Wie ein lauwarmes Babybecken im Schwimmbad

Ich sehe jeden Tag der Woche alle meine Freund:innen. Jeden Tag gibt es, da schon ein paar Minuten in der Auslage liegend, lediglich warmes Essen, statt frisch heiß. Und trotz ziemlich unterschiedlichen Gerichten ist der Kochstil doch immer gleich. Jeder Tag ist ähnlich. Ein lauwarmes halbtiefes Babybecken im Schwimmbad – vielleicht ganz angenehm, aber trotzdem nicht der Höhepunkt der Gefühle – beschreibt mein Stimmungsbild recht gut.

Dann zog ich zu meiner französischen Gastfamilie, die mir vom Boarding House vermittelt wurde. Wir unternahmen keine großen Aktivitäten, sondern ich folgte ihrem Ferienalltag. Mittagessen im Sportclub und bei Din Tai Fung, Brettspiele und Galette des Rois (französischer Drei-Königs-Kuchen) essen.

Als Gastgeschenk brachte ich Merci mit, was, wie wir feststellten, wohl ein sehr deutsches Gastgeschenk ist. Außerdem hatte ich eine Dose mit Zimtsternen, Vanillekipferln und Chocolate Chip Cookies dabei, die so schnell weg waren, dass ich gebeten wurde, ihnen beizubringen, wie diese Plätzchen gebacken werden. Außerhalb von den gemeinsamen Mahlzeiten und kleinen Aktivitäten versuchte ich, ein paar Sachen am Laptop zu arbeiten, doch das war nicht mal semi erfolgreich.

Vielleicht nichts gearbeitet, aber dafür wertvollen Input erhalten

Dass ich nicht gearbeitet habe, ist in Ordnung, weil ich von dieser Familie so viel mitnehmen konnte (die Möbel blieben, aber ich bekam unerwartete Weihnachtsgeschenke!) und das ist, was zählt: die Herzlichkeit, mit der ich als sechstes Kind in die Familie aufgenommen wurde, das gemeinsame “The 100”-Schauen mit der ältesten Tochter Maia, mit allen Geschwistern über ein Video scherzen, das eines der Kinder produzierte.

Ich bin so beeindruckt von Alice, der Mutter, mit der ich abends lange über feministische Themen sprach wie die Vereinbarung von Familie und Beruf oder auch wie wichtig es ist, dass Firmenchef:innen lernen, wie Leiten funktioniert, denn nicht alle sind Naturtalente.

Ich lernte, dass ich machen soll, worauf ich Lust habe, und nicht, wohin mich die gesellschaftlichen Normen drücken. Dass es meistens einen Weg für meinen Willen gibt, wenn ich nachfrage. Dass ich im Leben nichts bereuen und beispielsweise nicht zögern soll, Leute um Hilfe bitten und lieber Absagen erhalten soll, als mich später dafür zu kritisieren: “Ach, hätte ich doch gefragt!”.

Als ich zurück ins Boarding House kam, merkte ich erst, wie aufgeladen und energetisch ich mich nach dieser knappen Woche auswärts fühle.

Ich verstehe jetzt, warum es sinnvoll ist, die große Gemeinschaft ab und an zu verlassen. Denn mal ehrlich, ich bin schon oft froh gewesen, Urlaub von meiner Familie daheim zu haben, was nicht bedeutet, dass ich sie nicht gern habe. Hin und wieder braucht es den Abstand, um wieder in der Lage zu sein, frisch und motiviert zum gemeinsamen Leben beizutragen.

Allerliebst,

Milena

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