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Mein Start ins zweite Jahr am UWCSEA: Lebensupdate Teil 2

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Anfang August waren meine Sommerferien – viel zu schnell – schon wieder vorbei. Jetzt bin ich also mal wieder in der 12. Klasse und bin gespannt auf mein zweites und gleichzeitig letztes Jahr am UWCSEA.

Mafer, ich, Patty und Alex am Ende unseres ersten Schultags als Seniors

Unsere Neuen hatten zunächst Probleme, ihre Einreisegenehmigungen zu erhalten – doch hatten sie mehr Glück als wir letztes Jahr! Wir hatten zwei Monate gewartet, während die meisten dieses Jahr schon während der ersten Schulwoche ihre Quarantäne verlassen konnten und bald ins Boarding House eintrudelten. So freute ich mich zum Beispiel seit langem auf meinen Baby Scholar (der deutsche UWCSEA-Stipendiat 2021-23) Leon.

Leon und ich vor dem Rain Vortex in Jewel, dem Unterhaltungskomplex am Flughafen Changi

IB – so anstrengend wird es schon nicht sein, oder?

Akademisch legt die 12. Klasse einen deftigen Zahn zu. Begonnen mit dem Extended Essay (4000 Wörter), weiterführend mit den Internal Assessments, also den intern bewerteten Miniseminararbeiten (ca. 2000 Wörter) in unseren Fächern wie Environmental Systems and Societies oder auch Mathematik, dazu die Universitätsbewerbungen. Prokrastination und mangelnde Arbeitsmoral trugen wie immer dazu bei, die Aufgaben schlimmer erscheinen zu lassen, als sie eigentlich sind. Wer bisher dachte, die Leute am UWC haben ihr akademisches Leben im Griff: *stellt euch hier mein müdes Lachen vor*

Das machen wir also in Environmental Systems & Societies: Fische zählen und Beifang aussortieren

Mitte September genossen wir mit unserem Whole House Weekend eine kurze Verschnaufpause. Das gesamte Boarding House unternahm Aktivitäten wie Spiele, Diskussionen über Rassismus oder das Geschlechtersystem, Abenteuer in Pulau Ubin und dem Universal Studios Themenpark. Auf der Insel Pulau Ubin war es mir wichtig, ganz im Einklang der Natur zu stehen, weshalb ich mich beim Fahrradfahren von einer Biene stechen ließ. Schockiert war die Pflegerin unserer Schulklinik, als ich mit dem Bienenstich in der Hand dann am Nachmittag noch zu den Universal Studios wollte und es kostete mich ein wenig Beschwichtigungskunst.

Ich mit Ayasha und Aru auf dem Weg zu Pulau Ubin – die Fahrradhelme parat, denn die Insel wird am Besten auf Rädern erkundet

LOoK aT oUr DiVeRsItY!

Nur kurze Zeit später feierten wir den internationalen UWC Day, an dem die Werte und die Mission von UWC gefeiert werden und durch die Feier am 21. September mit dem UN-Weltfriedenstag zusammenhängt. Am UWC Day tragen alle ihre Nationalkleidung oder andere Merkmale wie eine Flagge oder ein Fußballtrikot.

Moana, Linh, Zebo, Verina, Mafer und ich
Die deutschen Boarders: Die Mädels ganz außen sind Lavanya und Tanuvi, die beide deutsch-indisch sind, Leon kam als typisch deutscher Teenager

Im Oktober nahmen wir Videos für die jährliche kulturelle Show Culturama auf, an der Tänze inspiriert von verschiedenen Ländern wie Tadschikistan, Tansania oder Costa Rica aufgeführt werden. Dieses Jahr wurde die Show durch andere künstlerische Beiträge erweitert und so lehrte ich ein paar Schüler*innen die deutsche A-Capella-Version von „Auf uns“ (Andreas Bourani), das perfekt in dieses Schuljahr 2021/22 passt, da das UWCSEA 50-jähriges Bestehen feiert und wir somit die Zeit, die hinter uns liegt, feiern und uns als Gemeinschaft auf die Zukunft freuen. Dieses Projekt hat mich als Leiterin definitiv gefordert, da außer einer Person niemand Vorkenntnisse in Deutsch hatte und ich außerdem noch nie zuvor solch ein musikalisches Projekt geleitet hatte, geschweige denn solch ein Video geschnitten.

Einen Teil meiner Oktober-Ferien verbrachte ich wieder bei meiner Sommer-Gastfamilie. Gemeinsam hatten wir zum Beispiel Spaß bei einem Nachmittagstrip zu Lazarus Island, einer der singapurischen Außeninseln, die es ermöglichen, sich zu fühlen, als würde man Singapur kurzzeitig verlassen haben.

Obwohl Lazarus Island auch recht stark bearbeitet wurde, ist dieser Strand natürlicher als Sentosa.

Genug Pause, weiterlernen!

Und dann erreichten wir endlich einen Tag großer und langersehnter Freude: Anfang November gaben wir unsere Seminararbeiten ab. Was ich am UWCSEA besonders cool finde: Hier verkleiden sich alle am Abgabetag als ihr Seminararbeitsthema. So machte ich ein kleines Wortspiel und ging als feministisches Sushi, schließlich beinhaltet meine Seminararbeit Geschlechterrollen. (Mein Thema: Zu welchem Ausmaß spielen Landwirtinnen eine Rolle in der Linderung der und Anpassung an die Klimawandel-Einflüsse auf die Landwirtschaft in Süd- und Südostasien?)

Linh recherchierte über chinesische Konzentrationslager und Ayasha analysierte Taylor-Swift-Songs.

Zwischendrin kamen dann auch noch die Unibewerbungen: Der Großteil der Schüler*innen hier bewirbt sich an Unis in den USA und im Vereinigten Königreich, ich zum Beispiel bewarb mich an zwei Unis in den USA für das Musical Theatre-Programm. (Wobei ich mittlerweile bei beiden bereits abgelehnt wurde.) Das US-amerikanische System hat es in sich: Die Unis verlangen nicht nur die Audition, wo ich Videos von mir singend, tanzend und schauspielend einreiche, sondern auch Aufsätze zu verschiedenen Themen, um mich als Person kennenzulernen. Das sind übrigens die Aufsätze, an denen die High-School-Teenager in den Filmen immer feilen.

Juchuu, Freizeitstress!

Gemeinsam mit Leon filmte ich ein Take Over des Instagram-Accounts von UWC Deutschland und gab so einen Einblick in unseren Alltag am UWCSEA. Darauf hatte ich mich schon sehr lange gefreut und wir hatten einen großen Spaß dabei! Die Videos sind in den Highlights gespeichert, schaut sie euch an – wie gefällt euch der Einblick?

Mitte November fand das Konzert „Unplugged“ statt, wo ich zusammen mit einem Freund aus dem Boarding House „How far I’ll go“ aus dem Disney-Film Vaiana/Moana performte. Es ist großartig, wie sehr sich unsere Schule dahinter klemmt, dass wir Auftritts-Möglichkeiten erhalten. Gerade in Singapur ist das ein leidiges Thema, da die Corona-Regeln für Performances recht streng sind und alles bei der Regierung angemeldet und angefragt werden muss. Viel Papierkram für unsere Lehrkräfte und viel Geld, das für die offiziell durchgeführten ART-Schnelltests drauf geht. Dafür hatten wir sogar ein Live-Publikum bestehend aus 50 Leuten!

Außerdem war ich Teil einer Theaterproduktion und durfte die Rolle „Doktor“ in Georg Büchners „Woyzeck“ spielen, was Dienstags und Donnerstags zweieinhalb Stunden Probezeit bedeutete und im Monat vor der Aufführung Ende November Samstags sechs Stunden Proben. Sehr anstrengend, aber mit einem Ergebnis, auf das wir mehr als stolz sein können.

Unsere Regisseurin ist in meinem Jahrgang und hatte großartige Ideen wie zum Beispiel, dass das Publikum im Kreis um die Bühne sitzt. Dazu das dystopisch-futuristische Setting – es war ziemlich cool!

Sehr gerne zurück denke ich an einen Samstag Anfang Dezember mit diesen vier Mädels: Lavanya, Ayasha, Aru und Linh. Es war eine Art Zufall, dass wir (im September) gegenseitig in unsere Leben traten – wir waren enttäuscht, dass die allabendliche Teatime wegen Corona-Maßnahmen vorerst gecancelt wurde und kurzerhand entschlossen sie sich, eine private Teatime zu organisieren und ich stoß zufällig dazu. Seitdem hatten wir so viele lustige Zusammenkünfte, leisteten uns gegenseitig emotionalen Support in diversen Lebenslagen oder kreierten uns diesen Main-Character-Day (einen perfekten Tag, wie es Hauptfiguren in Filmen erleben) mit Picknick am Meer, während Familien um uns herum Drachen in den Sonnenuntergang steigen lassen.

Von links: Lavanya, ich, Ayasha, Aru und Linh

Während 2021 hat Singapur die sogenannten Vaccinated Travel Lanes etabliert, die es für Geimpfte erlaubt, das Land aus bestimmten Abreiseländern ohne Quarantäne zu betreten und auch für andere Abreiseländer wurden die Reiseregelungen einfacher und verlässlicher. Viele von meinen Freund*innen konnten deshalb nach Hause fahren, wo doch viele ihre Familien seit September 2020 nicht mehr gesehen hatten. Ich hatte überlegt, ob ich reisen sollte, allerdings wusste ich, dass die Wintermonate eine neue Corona-Welle für Deutschland bedeuten und wollte mich zum einen dem erhöhten Ansteckungsrisiko nicht unbedingt aussetzen und zum anderen auch keinen Lockdown riskieren und dann nur daheim sitzen – ähnlich, wie ich es für den Sommer befürchtet hatte.

Im Oktober entschieden wir dann jedoch einigermaßen spontan, dass meine Familie mich einfach in Singapur besuchen kommt. Gerade meine Familie freute sich sehr, das Privileg zu haben, aus dem kalten Deutschland in diese tropischen Temperaturen hier in Singapur zu reisen und so lebten wir gemeinsam in einem Apartment, ich als ihre Singapur-Reiseführerin. Das passt gut, denn obwohl ich hier schon über ein Jahr lebe, habe ich längst nicht alle touristischen Sehenswürdigkeiten gesehen. Über diese Ferien erzähle ich im nächsten Post.

Und so ist das erste Trimester vorbei und nun beginnt bereits das Zählen der letzten Tage bis zu unserem Abschluss. Ich würde euch an dieser Stelle gerne eine umfassende Reflektion anbieten, aber die habe ich nicht – mein Leben ist doch ziemlich vollgepackt, sodass ich mir zu wenig Zeit nehme, meine Erlebnisse angemessen zu verarbeiten. Vielleicht hilft ja mein Neujahrsvorsatz, die milenarrative regelmäßiger zu füttern, dabei.

Ein weihnachtliches Familienfoto!

Falls unser persönlicher Kontakt momentan schläfrig ist, schreib mir doch gerne mal wieder! Auch allgemein freue ich mich über Fragen und Kommentare 🙂 Bis dann!

Allerliebst,

Milena

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